Kommentar zur Lage der Gesellschaft.

 
 
 

Ein halbes Jahrhundert Versagen auf der ganzen Linie.

 
 
 

Ein Artikel des Wochenblattes „Die Zeit“ titelte im September letzten Jahres: „Dem Wald geht's richtig dreckig.“ Und dann folgt der übliche Sermon vom vermeintlichen Waldumbau für ein zukünftiges Klima, das niemand kennt und das zurzeit ins völlig Unbekannte kippt. Der Mensch, der das Klima gerade mit Hochdruck zerstört, tut so als müsse man es nur reparieren, wie einen defekten Wasserhahn, oder als könnte man die massakrierten Wälder abgelten. Diese Reaktionen muten so an, als würde sich ein Mörder zum Kriminalkommissar für die Aufklärung des Mordes erklären.

Nein, dem Wald geht es nicht dreckig! Keiner hat je den Schrei eines sterbenden Baumes vernommen, keiner kann von der Trauer der noch verbliebenen schütteren Bäume berichten; die Leute verschließen sogar, im Gegensatz zum Waldsterben der 80er Jahre, das gegenüber dem nun laufenden Massaker wie ein warnendes blaues Auge anmutete, aktiv ihre Augen vor dem sich abspielenden Drama. Die Bäume gehen derweil ungerührt ihren Weg. Wie es die Biologie vorsieht, werden die Baumkadaver vom Borkenkäfer und Konsorten, die für den Menschen den biblischen Sündenbock spielen müssen, entsorgt. Der Wald macht also nur das was gemäß seinem biologischen Programm zu tun ist, wenn ihm die Lebensgrundlagen entzogen werden. Er stellt die Produktion von Sauerstoff ein, hört auf CO2 zu speichern und gibt stattdessen das gespeicherte CO2 frei, er beendet die Regulierung des Klima durch Verdunstung, er hinterlässt eine wesentliche Lücke in der Regulierung des Bodenwasserhaushaltes, er entfällt als Grundlage für das Bodenleben usw.

DER WALD — Es könnte überall sein,
hier ist es der Wald im Haselbachtal
unterhalb Weilheim.
Vergrößern durch Klick aufs Bild.

Ja, dem Menschen geht es richtig dreckig, dem „homo sapiens", der sich gerade der entscheidenden Prüfung gegenüber gestellt sieht, ob ihm zukünftig noch eine Existenzberechtigung auf dem blauen Planeten zusteht. Momentan stellt er sich dieser Prüfung wie ein suchtkranker Junkie, der sich in den Konsumrausch flüchtet und aus niedristen Beweggründen demonstrativ trotzig weiter mit der Umweltzerstörung fortfährt:

  • Es gibt keine halten in der Überbauung von Grünflächen.
  • Die SUFF-Autos, die schon durch ihre schiere Masse eine Bedrohung, auch in elektrischer Bauart, für andere Verkehrsteilnehmer und den CO2-Haushalt, bevor sie auch nur einen Kilometer gefahren sind, darstellen, sind zum Aushängeschild der gelebten Ignoranz gegenüber der Klimakatastrophe geworden.
  • Für den ausgeuferten Flugverkehr bestehen immer noch Wachstumspläne, die den Wachstumswahn der Wirtschaft noch weit übersteigen.
  • usw.

Die Gruppen in der Politik haben sich in einem fatalen Zusammenspiel —in einem gemeinsamen Geschäftsmodell des Niedergangs— zusammengefunden: Die einen predigen alternativlos die Wachstumsreligion, andere die ungezügelte Profitfreiheit, wiederum andere sind in ihrem politischen Niedergang völlig blind geworden und die lachenden Gewinner dieser unheiligen Allianz zeigen sich für Pöstchen und dritte Toiletten bereit das ökologische Feigenblatt zu spielen und schließlich die ewig Altvorderen, die die 70er-Jahre in der vorherrschenden Farbe der Fichten und Tannen, die ihre Nadeln geworfen haben, restaurieren wollen.

Und schon beginnt man mit CO2-Zertifikaten das ganze Dilemma, wie bei der Abfallvermeidung und dessen vermeintlichem Recycling durch den Gelben Sack, ad absurdum zu führen und zum mafiösen Geschäftsmodell auszubauen. Dies wird auch klappen, da die meisten der Kinnings, die wir in den Konsumwahn getrieben haben, nach der Freitagsdemo mit dem SUFF der Eltern oder einer kleineren Dreckschleuder paar hundert Kilometer in das Wochenende fahren und sich mit jedem grünen Aufkleber bestechlich zeigen werden.

Doch die Grenzen des Wachstums, die, wie die Coronapandemie zeigt, auch die Mobilität an sich, neben dem Aspekt der Treibhausgasproblematik, umfasst, sind spätestens seit den 70er Jahren durch Meadows und Randers unumstößlich postuliert und durch keine Abreden oder Aufkleber manipulierbar. Der Weg, der damals noch „ebenerdig“ auf den Abgrund zuführte, ist inzwischen stark abschüssig geworden. Die Dekadenz der eingebildeten Spezies Mensch, wird nun von der Natur mit drakonischen Reaktionen sanktioniert und wir befinden uns hier erst am Anfang. Nach den Nadelbäumen werden die Laubbäume ihre Dienste einstellen, die Erträge unserer Landwirtschaft werden Jahr für Jahr mehr zurückgehen oder sogar einbrechen, die Grundwasservorkommen werden schwinden, das Wasser der Flüsse wird in den Sommern zunehmend für unsere Fische zu warm, wo sie nicht gänzlich trocken fallen, und der dumme Spruch man spare durch die Erwärmung Heizöl im Winter, der suggerieren soll, das Problem entschärfe sich von selbst, zeugt angesichts des auftauenden Permafrosts von grandioser Dummeheit.

Das Prüfungsergebnis ist schon absehbar: Setzen, Sechs! — des Überlebens unwürdig.

 
  Waldshut-Tiengen — Gurtweil im März 2020
Gerhard Boll